Dieses Deck ist auf der ‘Marseiller & Friends’ -Seite eingebunden
Die Abbildungen aus dem
Vandenborre Bacchus Tarot
erfolgen mit Erlaubnis der Firma
(c) AGM AGMüller / Cartamundi
Bahnhofstrasse 21
CH-8212 Neuhausen am Rheinfall
Weitere Reproduktion nicht gestattet.
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Vandenborre Bacchus Tarot / Flemish Tarot:
Irgendwo im Bereich 1770 / 1780
Ursprung: Belgien, Brüssel, Kartenmanufaktur von F.I. Vandenborre (siehe Scheiben 1 und 2)
Im Grunde genommen ist ‘Flämisches Tarock’ (Flemish / Flamand) eher eine Oberbezeichnung (wie auch das Marseiller Tarot). Weil aber die heute marktgängige Auswahl im Grunde genommen nur aus diesem Deck besteht, muß man sich im im nächsten Small-Talk darüber nicht den Kopf zerbrechen. Genauso findet man dieses Deck auch unter dem Titel “Belgisches Tarock”.
Zudem wird das Flämische Tarock-Kartendeck ursprünglich auch noch “Cartes de Suisses / Schweizer Karten” genannt (siehe auch Scheiben 01). An dieser Stelle (auch im Booklet) wird die Geschichte mit der hohen Steuer auf Spielkarten in Frankreich angeboten, wodurch einige Kartenhersteller in die Schweiz auswanderten. Das sich dann natürlich im Laufe der Zeit auch kleinere oder größere Änderungen ergeben und sich somit “Schweizer Karten” entwickeln, ist logisch, aber die Bezeichnung “Cartes des Suisse” ist dennoch eine Bezeichnung, die konkret nur das Tarock in Flandern kennzeichnet. Man findet diese Namensgebung vor allem nicht in der Schweiz.
Paradoxerweise kommt hinzu, daß all jene Karten, welche über alle Massen mit Besonderheiten herausstechend (siehe weiter unten: Teufel, Turm, Gehängter, Stern, Mond, Sonne), ganz zielsicher über 100 Jahre früher bereits zu finden sind: Und zwar im Herzen von Frankreich, in Paris. Zwischen den Jahren 1643 und 1664 ist hier in Nord-Frankreich das Tarock von Jacques Vieville entstanden.
(Soweit erst einmal die objektivierbaren Informationen. Weitere Schlußfolgerungen folgen ganz unten)
Bacchus (oder auch: ‘Wie diese Deck zu seinem Namen kam’): Der Papst und die Päpstin wurden in diesem Deck umgewandelt in einen Hauptmann Fracasse auf der II und in den (römischen) Gott des Weines inklusive Faß auf der V.
=> Besancon: Die Umgehung von Papst und Päpstin ist generell das prägnanteste Stilmerkmal des Besancon Tarock. Allerdings ist das auch schon das einzige wirkliche Merkmal diesbezüglich, denn daß sich der Mond nicht im Profil, sondern frontal zeigt, leitet sich hier aus der Vieville-Verwandschaft ab, und hat somit nichts mit Besancon zu tun. Fraglich ist, ob die Welt hier mehr ‘steht’ (kontrapost => Besancon) oder ob sie doch das Tanzbein schwingt. Auch z.B. nicht Besancon-zutreffend: Amor hat die Augen nicht verbunden.
Le’Spagnol Capitano Eracasse (=> L’Espagnol Capitaine Fracasse): Der spanische Hauptmann Fracasse ist eine ‘italienische Erfindung’: Diese Person ist ein festgelegter Basis-Charakter aus einer spezifischen Form der “Commedia dell’ Arte”, einer italienischen Komödie / Lustspiel.
Er repräsentiert dort eher eine Witzfigur. Sein spanischer pompöser weißer Stehkragen zeigt bereits auf den ersten Blick sein Dilemma: Ein “eiteler Pfau”, der sich selbst zu wichtig nimmt, sich quasi durch sein Geltungsbedürfnis selbst im Weg steht und in der Summe somit eigentlich nicht wirklich ernst zu nehmen ist. Seine Hauptrolle in der Komödie ist der Liebhaber. Als solcher ist er ausserordentlich charmant und galant. Sicherlich ist er gepflegt und auf jeden Fall auch begehrt. Aber langfristig ist er doch nur ein Hauptmann; Denn wenn der General nach Hause kommt, dann muß Fracasse sprichwörtlich den Schwanz einziehen und verschwinden, wobei er sicherlich diese tragig versucht, mit erhobenstem Haupt zu meistern, wodurch er dann wieder gewollt ungewollt komisch wirkt.
Die weiteren Besonderheiten:
Der Narr trägt die Nummer XXII.
Der Teufel ist ein ganz anderes Exemplar, als wir ihn heute gewohnt sind: Feuerspeiend und mit vielen Augen.
Der Turm heißt und ist hier ein Blitzeinschlag in einen Baum.
Der Gehängte wirkt zwar in der Körperhaltung (und Gerüst drumherum) hängend, ist aber aufrecht(!) dargestellt. Ausserdem hat er eine ähnlich ‘anatomisch-unmögliche’ Haltung der Hände wie im “Spanisch-Tarot-Espanol”. (Es liegt hier sehr nahe die Vermutung, daß sich lediglich die Ordnungszahl XII im Druckverfahren vertauscht hat, vor allem weil das der wirklich einzigste Hinweis ist auf die Frage “wie herum” die Karte gehalten werden soll. (Vergleiche E. Graf - Vieville Tarock).
Der Stern ist hier ein astronomischer Sternenforscher.
Ebenso ist beim Mond nichts von Krebs, Hund, Türme ..etc.. zu finden, sondern auch diese Karte ist ähnlich dem Stern gestaltet.
Auf der Sonne ist ein reitender Mann mit Fahne im Profil.
Die Welt hat Flügel.
Und auch ganz bemerkenswert: Fast das gesamte Deck ist im Vergleich der “Marseiller & Friends” spiegelverkehrt (incl auch ganz banaler Dinge wie zum Beispiel der Hand, welche das Ass der Stäbe hält). Aber auch genau dadurch wird dieses Deck auch aus diesen Karten heraus noch näher an das Vieville Tarock begründet (Narr, Magier, Mässigkeit, Tod, Kraft, Schwert Ass, Stab Ass, ...)
PS: Oder ist der Gehängte sogar deshalb falsch herum, weil er sogar von Grund auf gespiegelt wurde ? ;-)
Persönliches historisches Statement:
Man kann sich die Finger ausrenken wie man will, aber dieses Deck ist im Grunde der Herstellung ein kundenorientiertes Wirtshaus-Deck. Herr Vandenborre hat unzweifelhaft auf Kartendeck-Motive aus dem (Nord)Französischen Raum zurückgegriffen. Es ist nicht logisch vereinbar, daß sich exakt diese Motive aus dem Schweizer Raum (zurück/heraus/herum-) entwickelt haben sollten, wo sie zudem dort keinen Stellenwert haben. Warum sie doch zum Flämischen Tarock den Zusatz “Schweizer Karten” erhielten, bietet einen offenen gedanklichen Spielraum. Es steht auch zur Auswahl: die traditionelle Abgrenzung des Flamen zum Franzosen.
Oder es könnten doch auch die Steuern eine gewisse Rolle gespielt haben: Obwohl die Karten in Brüssel hergestellt wurden, wollte der Kartendrucker sicherheitshalber jeden Steuerverdacht vermeiden.
Auf jeden Fall aber hat er sich entscheiden, ein Deck zu drucken, welches in Flandern auf mehr gewohnte Akzeptanz und historische Bekanntheit stoßen sollte (Teufel, Turm, Stern ..etc..), als bei einem Marseiller, Bologneser oder Lombardischem Tarock.
Und die Art und Weise, wie er den Papst und die Päpstin umgangen / umgestaltet hat, kann Wirtshaus-Vermarktungstechnisch besser gar nicht sein: Das Oberhaupt in Glaubensfragen ist der Gott des Weines höchstpersönlich. Und neben dem Gaukler gesellt sich jene besagte Witzfigur: Ein Trumpf zwar, eitel aufgebläht, aber nur ein lachhafter niederer Trumpf. Alles in allem eine gelungene Kombination für viele (feucht)fröhliche Stunden.
Zumal es alles in allem ein recht unangreifbares Deck ist: Glaubenspolitik (Papst und Päpstin) und auch die Nacktheit (Der Stern) sind nicht existent. Auch die Welt ist zwar gewissermassen nicht nackt, aber doch irgendwie geschlechtslos, und hat zudem Flügel. Herrscher und Herrscherin werden gewürdigt, aber den Blitzschlag in den Turm vermeidet man lieber - Ein Baum tut es da auch.
Und der Teufel? => Er wurde zum Feuer-speienden Ehe-Drachen. Wenn der Kartendrescher besoffen in die häusliche Stube schleicht, wird auch er vom König des Weinfasses wieder zum leidgeprügelten Hauptmännchen. ;-) ... Und endlich wissen wir auch warum der Teufel so viele Augen hat: Weil sie wieder irgendwie von jedem einzelnen Bier gewußt hat. ;-)
(im deutschen Wikipedia wird der Fracasse nicht erklärt.)